Reggio-Pädagogik
Die Pädagogik aus Reggio Emilia will die Bildungspotenziale von Kindern aktivieren, stärken und nachhaltig sichern. Sie stellt eine pädagogische Philosophie dar, die Kinder als Forscher, Entdecker und Konstrukteure von Wissen, Können und eigenen Lernstrategien begreift.
Als innovativer, elementarpädagogischer Ansatz, der den Dialog aller an der Erziehung Beteiligten und das kompetente Kind in den Mittelpunkt stellt, wird die Reggio-Pädagogik einem modernen Bildungsverständnis mit Fokus auf die Potenziale und Begabungen der Kinder, einer Stärkung individueller Fähigkeiten zum kreativen Denken und Handeln sowie der Fähigkeit zum Lebenslangen Lernen gerecht.
Das forschende, wahrnehmende, künstlerisch tätige Kind steht im Zentrum der pädagogischen Arbeit. Ausgehend von den Interessen und Themen des einzelnen Kindes oder einer Kindergruppe kann Lernen, Entwicklung und Bildung stattfinden, indem das Kind mit allen seinen Fähigkeiten, Erfahrungen, Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten Platz und Raum bekommt.
Das Kind ist aktiver Konstrukteur, Regisseur und Gestalter seiner Entwicklung, die Pädagogen/innen selbst sind in diesem Entwicklungsprozess lernende, forschende und unterstützende Wegbegleiter/innen.
Die Erhaltung der natürlichen Begeisterung und Neugierde am (Welt)Erforschen, der kindlichen Kreativität, dem Forschergeist und schöpferischen Selbstausdruck, die Orientierung an Interessen und Themen der Kinder und die Wichtigkeit des entdeckenden, projektorientierten Lernens in spezifischen Arbeitsgruppen sind wesentliche Grundpfeiler der Reggio-Pädagogik.
Potentiale und Fähigkeiten
Das optimistische Bild des „reichen“ Kindes, das Potenziale und Fähigkeiten von Geburt an besitzt und kompetent ist, Wissen durch konkrete Erfahrung selbst zu konstruieren und in Co-Aktion mit anderen in aktiven, kreativen Beziehungsprozessen zu vervielfältigen, leitet die Pädagogen/innen in ihrer Arbeit mit den Kindern. Dem liegt ein konstruktivistisches, systemisches Verständnis von Lernen zugrunde: Gruppenstimulation und Co-Konstruktion von Hypothesen und Wissen führen zu einer erweiterten Lernerfahrung.
Individuelle und soziale Erfahrungen
Daher sind neben individuellen Entwicklungs- und Bildungsprozessen soziale Erfahrungen und ein dialogisches Beziehungsnetzwerk zum Philosophieren, hypothetischen Denken und dem Ideenaustausch notwendig fürs Lernen. Auf diesem Beziehungsnetzwerk kann das Kind seine Wissbegierde und kindliche Energie durch kreative Auseinandersetzung mit der sozialen und räumlichen (Um)Welt in „hundert Sprachen“, dies sind die vielfältigen Aneignungs- und Ausdrucksweisen des Kindes, entfalten. Bei der Entdeckung der Welt gilt der Grundsatz: Das Entdecken bedeutsamer Fragen ist wichtiger als das Finden richtiger Antworten.
Wesentliche Elemente der Reggio-Pädagogik
- Bild vom Kind als kompetentes, selbsttätiges und forschendes Individuum
- Konstruktivistische und systemische Sichtweise von Lernen
- Lebenswelt- und Alltagsbezug im Bildungsprozess
- Ganzheitliche, sinnliche Erfahrungen (learning by doing) und analytisches, abstraktes Denken (learning by thinking)
- Lernen in Projekten – Projektarbeit
- Ausrichtung an Bedürfnissen, Interessen und Themen des Kindes/der Kinder
- Entfaltung und Förderung der „hundert Sprachen“ durch kreatives Gestalten
- gemeinsames Entdecken, Hypothetisieren und Reflektieren im Lernprozess – Co-Konstruktion und Metakognition
- Beobachten – Dokumentation – kollegialer Austausch – Interpretation als zentrale Aspekte des pädagogischen Planungsprozesses
- Interdisziplinäre und multisensorische Verknüpfungen im Bildungsprozess
- Raum als 3. Erzieher – Architektur und Raumgestaltung – Beziehung zwischen Einrichtung, Architektur, Design und Materialien
- Transparenz und Öffnung hin zum Gemeinwesen
- Orientierung an Begabungen und Fähigkeiten
- Förderung von Gender – Einbeziehung männlicher Betreuungspersonen in den elementarpädagogischen Kontext
- Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit – Entfaltung aller Persönlichkeitspotenziale ohne geschlechtsspezifischer Einschränkungen
- Kreativer Umgang mit digitalen Medien – Medienkompetenz
- Partizipation und Beteiligung
- Elternmitwirkung
- Individualisierung und Differenzierung
- Bildung zur Nachhaltigkeit – Fähigkeit zum lebenslangen Lernen
Zitate
Hundert Sprachen hat das Kind
hundert Hände
hundert Gedanken
hundert Weisen zu denken
zu spielen und zu sprechen.
Immer hundert Weisen zuzuhören
zu staunen und zu lieben...
Loris Malaguzzi
Zum reinen Wissen, zur Rationalität gehört immer auch Phantasie,
um geniale Lösungen zu entwickeln und um das Wissen anzuwenden:
Auf die Mischung zwischen Rationalität und Phantasie kommt es an und darauf, die richtigen Fragen zu stellen.
Mariano Dolci (Puppenspieler aus Reggio Emilia)
Kinder lieben Diskussionen und Konflikte,
sie wissen, wie sie auf Ideen der anderen hören
und wenn sie wollen,
machen sie diese Ideen zu ihren eigenen.
Sie haben keine Bedenken,
ihre Gedanken zu ändern
und sie sind jederzeit bereit,
das Neue und das Unbekannte zu wagen.
Carla Rinaldi (Präsidentin von Reggio Children)
Autorin: Barbara Bagic-Moser
Weitere Infos unter:
www.dialog-reggio.at
www.mkr.at